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Fettes Ohrloch

Als Kind gab es für mich keinen größeren Hingucker als andere Jungens mit Ohrringen. In den Siebzigern, als ich aufgewachsen bin, war das noch eine Seltenheit und in dem Kaff, wo ich herkomme gab es nur ganz wenige, die sich trauten.

Umso sensationeller war es für mich, als mein 10 Jahre älterer Bruder mit ca. 19 mit seinem Kumpel nach Hause kam und beide plötzlich einen Ohrring trugen. Meine Eltern sind schier ausgerastet: Kind wie kannst Du nur...Untergang des Abendlandes...was werden die Nachbarn sagen?! Für mich war klar: ich werde mich niemals trauen, einen Ohrring zu tragen, wenn meine Eltern sooooo reagieren. Zumindest nicht, als gerade mal 10 Jähriger.

Während sich bei uns zuhause die Aufregung laaaaangsam legte, wuchs bei mir immer mehr der Wunsch, endlich auch zum Juwelier zu gehen und mir ein Loch schießen zu lassen. (Piercer gab es damals noch nicht:)

Als ich sechzehn war packte ich all meinen Mut zusammen und fuhr in die nächst gelegene größere Stadt, um endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Mittlerweile war es schon häufiger so, dass Jungs einen Ohrring trugen und auch wenn meine Eltern zuhause ein Donnerwetter veranstalten würden, war ich sicher: ich will jetzt endlich einen Ohrring! Right here, right now!

Ich weiß gar nicht mehr, ob der Juwelier damals gar nicht nach dem Alter gefragt hat oder was ich ihm darauf hin gesagt habe, jedenfalls gab's keine Probleme. Nachdem er mir einen Punkt aufs Ohr gemalt hatte und ich "Okeh!" sagte, wurde scharf geschossen und ich hatte einen offiziellen Ohrring. Man war ich Stolz! Daran konnten auch die Kommentare meiner Eltern zunächst nichts ändern. Am nächsten Tag in der Schule gab's ein großes "Hallo". Den einen gefiel er, den anderen nicht. Meinem Mathe-Lehrer jedenfalls gefiel er nicht und ich hatte wirklich unter ihm zu leiden. Ein dummer Spruch nach dem anderen führte dazu, dass ich das Ding zuhause wieder raus nahm, worüber ich mich heute noch ärgere ;-)

Einige Jahre später, Anfang der Neunziger kam das richtige Piercen auf. Alle möglichen Körperteile wurden durchstochen und es dauerte nicht Lange, da liefen viele Zeitgenossen mit einem Ring oder Stab irgendwo rum. Das sollte meine zweite Chance sein :)

Als ich mit ein paar Freunden in Wien war, war es endlich soweit. Mit ca. 22 und wesentlich mehr Selbstbewusstsein ausgestattet, kamen wir in der Nähe der Mariahilfer Straße bei einem Piercer vorbei und guckten uns das Schaufenster an. Ich weiß nicht mehr wer, aber irgendjemand von uns sagte: Los Leute, wir lassen uns piercen!

Gesagt getan: zwei Augenbrauen, eine Zunge und ein Ohr später trug ich einen Ohrring mit Kugel und ein Helixpiercing im linken Ohr! Meine Güte, wir konnten alle vor Kraft kaum laufen :) Blöde Kommentare zu hause gab es kaum. Ein paar Sprüche auf der Arbeit aber sonst nichts. Mittlerweile hatten die meisten Kindergärtnerinnen und Supermarktkassiererinnen ihre Piercings und wirklich schocken konnte man keinen damit. Das Helixpiercing verheilte nicht so gut und nach ein paar Wochen machte ich es raus. Den Ohrring habe ich relativ lange getragen. Immer wieder gab es Phasen, wo ich keinen Bock drauf hatte, aber bis ich ca. 30 war, hab ich ihn getragen. Dann kam für mich ein neuer Lebensabschnitt und irgendwann kam das Ding endgültig raus. Als jemand, der immer noch auf Piercings stand, guckte ich immer wieder hin, wenn ich einen Mann mit Piercings sah. Bin zwar nicht schwul, aber irgendwie flashte mich ein Piercing nur bei Jungs und Männern. Keine Ahnung, wieso. Der absolute Hingucker aber wurden für mich die Tunnels und Plugs, die irgendwann aufkamen. So ein richtig Fettes Loch, das wärs.

Mein Ohrloch war mittlerweile wieder zugewachsen. Obwohl ich immer 2mm Piercing Ringe mit Kugel getragen hab. 2009 war ich wiedermal in Wien und als ich zufällig in der Nähe der Mariahilfer Straße an einem Piercingstudio vorbeikam, von dem ich annahm, dass es das gleiche wie fast 20 Jahre zuvor war, wusste ich, was zu tun ist: ich wollte mir ein 4 oder gar 6 mm Loch punshen lassen. Leider bot der Piercer das nicht an und ich ging mit einem 2 mm Stift raus. Mittlerweile hatte ich einen anderen Arbeitgeber und während wohl manchen das Piercing gefiel, es der Mehrzahl aber egal war, fand meine Chefin es wohl total doof. Musste ich mit Leben, sie auch ;)

Ehrlich gesagt war es mir zu blöd, wochenlang mit diesen Dehnstiften im Ohr rumzulaufen, aber irgendwie musste doch so ein großes Loch her, damit ich einen schwarzen Plug tragen konnte, was mein absoluter Favourite war. Ein paar Wochen später flog ich nach London. In Camden fand ich schließlich ein Studio, was mein 2 mm Loch auf 5 mm auspunshte. Die Piercerin setzte einen Tunnel aus surgical Steel ein und ich war der glücklichste Mensch der Welt :) Wieder in der rauen Realität zu Hause angekommen, war so ein fettes Loch schon ein Hingucker. Während man in Camden damit gewiss nicht auffällt, ist das in Düsseldorf schon noch etwas anderes. Aber fast jeder, der mich drauf angesprochen hat, fand es cool. Ok, viele, die es Scheisse fanden, haben vermutlich nichts gesagt. Aber so ein Ding polarisiert halt immer noch bei vielen. Ich jedenfalls fand es gut. Generell verheilte alles gut und ich konnte meinen Plug einsetzen. Der erste war aus schwarzem Kunststoff. So ein Tunnel sind schon abgefahren aus, aber generell wollte ich eben einen Plug.

Über Tage und Wochen stellte sich ein keines Problem ein: das Loch dehnte sich von selbst immer weiter. Hatte ich zuerst einen 5mm Tunnel, war ich jetzt bei einem 6mm Plug, den ich immer öfter verlor. Da ich aber auch nicht so ein riesen Loch mit 10 und mehr Millimetern haben wollte, nahm ich den Plug immer mal wieder raus für ein paar Tage. Das Loch zog sich dann immer wieder etwas zusammen. So ganz zu wird es nie mehr zu gehen, denn es fehlt ja auch etwas Material, weil das Loch ja gepunsht wurde.

So lief ich einige Monate mit dem Plug rum und irgendwann kam der Moment, wo ich ihn irgendwie vergessen habe und auch keine Ersatzplugs mehr hatte und bin bis vor kurzem mit einem im zusammengezogenen Zustand ca. 2 -3 mm großem Loch rumgelaufen.

Aber im Oktober war ich wieder mal in Wien und irgendwie ist das für mich ein Grund gewesen, mal zu schauen, ob das Piercingstudio noch da war. Dort habe ich mir wieder einen Plug einsetzen lassen und mittlerweile auch Ersatzplugs besorgt in Holz und Stein. Ich habe zwar mittlerweile eine leitende Stellung in meiner Firma, aber trotzdem finde ich, dass so ein schwarzer Plug immer noch sehr cool aussieht, auch, wenn ich schon über 40 bin. Vielleicht auch gerade deswegen. ;)

Ich habe immer großes Glück gehabt, dass sich nie etwas entzündet hat oder das es Probleme gab. Nach einer langen Geschichte von Ohrringen, Rein, raus, Piercings und Plugs hab ich endlich das Ding im Ohr!

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submitted by: Anonymous
on: 21 Jan. 2014
in Standard Earlobe Piercing

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